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07.09.2026 · von SV Eichede

„Es geht nicht um den Fußballer, sondern um den Menschen“

„Es geht nicht um den Fußballer, sondern um den Menschen“

Der Artikel erschien am 2. August bei 11Freunde. Das Interview führte Hendrik Heiermann.


Statt Sponsor trägt der SV Eichede eine Botschaft auf der Brust. Und fragt damit: Wer bietet die Grundlage für den Amateurfußball? Vorsitzender Olaf Gehrken über finanziellen Herausforderungen im Ehrenamt und eine bemerkenswerte Fanfreundschaft nach England.

Olaf Gehrken, Sie sind Vorsitzender des Oberligisten SV Eichede aus Schleswig-Holstein. Auf Ihren Trikots steht zu Beginn dieser Saison kein Sponsor, sondern eine Botschaft: „Mut zur Courage. Haltung kennt keine Liga.“ Warum war Ihnen das wichtiger als Werbung?
Haltung ist unverzichtbar und Amateursport ist ihr sozialer Kitt. In Zeiten, in denen sich Menschen auseinanderdividieren lassen, möchten wir verbinden und mit unseren Mitteln Statements setzen. Wir drücken damit unsere Haltung aus. Mut ist die Einstellung und Courage ist die Entscheidung – und wir treffen sie seit 1947 jede Woche neu. Konkret: Wir haben ein klares Wertesystem, welches sich über Identifikation, Zugehörigkeit, Einsatz und Ambition definiert. Haltung ist bei uns kein Slogan auf dem Trikot. Das Trikot zeigt nur, was hier längst intrinsisch gelebt wird. Halbe Sachen sehen wir beim SV Eichede ganz ungern! Vollgas ist unsere Grundordnung – im Spiel, im Training, im Ehrenamt. Der SVE will prägen, was gerade am knappsten ist – Positivität, Gemeinsamkeit, Miteinander. Auf unserem Platz stehen jede Woche Menschen zusammen, die sich sonst nie begegnen würden: über Generationen, Herkünfte und Handicaps hinweg.

Der Verein wird zu 100 Prozent ehrenamtlich geführt. Ihre Kampagne endet mit der Frage: „Wie lange kann das Ehrenamt allein tragen, was für diese Gesellschaft unverzichtbar ist?“ Haben Sie darauf selbst schon eine Antwort gefunden?
Es geht nicht ohne Sponsoring – das ist der Kern. Oberliga-Fußball, Landesspitzen-Jugendarbeit und gelebte Inklusion: Das trägt das Ehrenamt bis an seine Grenzen. Diese Aktion zeigt live, welche Aufmerksamkeit das erzeugt, was auf dem Trikot steht – ohne einen Werbe-Euro. Das bedeutet, ein Partner bekommt normalerweise genau diese Bühne plus nachweisbare gesellschaftliche Wirkung. Sponsoring bei uns ist kein Logo-Kauf. Es ist sichtbare Verantwortung und Voraussetzung dafür, dass wir unsere Vereins-Ausrichtung umsetzen können. Und ehrlich: Wer jetzt einsteigt, steigt in die beste Geschichte ein, die diese Fläche je erzählt hat.

Zur Wahrheit gehört auch: Bislang fehlt ein Sponsor. Sorgt das für einen finanziellen Engpass – oder damit verbunden einen Wettbewerbsnachteil?
In einer Notlage sind wir nicht. Der SV Eichede wirtschaftet seit Jahrzehnten solide. Wir bauen keine Traumschlösser, sondern entwickeln den Verein Schritt für Schritt. Aber natürlich ist ein Brustsponsor für einen Verein unserer Größe einer der wichtigsten Bausteine. Aber wir verkaufen diese Fläche nicht einfach an jeden. Die Brust beim SVE ist wertvoll – sportlich, wirtschaftlich und emotional.

Also könnte man theoretisch die gesamte Saison mit der Kampagne spielen?
Könnten wir, wollen wir aber nicht. Wir sehen es weniger als Kampagne. Es ist eine Aktion. Diese lebt von ihrer Einmaligkeit und ist keine Dauerlösung. Wir zeigen jetzt, was diese Fläche bewirken kann. Gemeinschaft ist unser stärkster Spieler. Der SVE steht für Gemeinschaft, die eine Haltung hat – und wir laden Partner ein, diese Verantwortung für die Gesellschaft mit uns zu tragen.

Eichede ist ein Ortsteil von Steinburg, südlich von Bad Oldesloe, nördlich von Hamburg. Dort leben rund 800 Menschen, und dennoch spielt der SV in der Oberliga, in der Vergangenheit sogar schon in der Regionalliga. Ist der SVE das gallische Dorf Schleswig-Holsteins?
Wir sind eben gerade nicht das gallische Dorf, das sich abschottet und gegen alles von außen verteidigt, sondern wir empfangen die Menschen herzlich und mit offenen Armen. Für mich persönlich ist es eine der größten Freuden, wenn ich sehe, wie viele ehemalige Spieler irgendwann als Trainer, Betreuer, Vorstandsmitglieder oder in anderer Position zu uns zurückkehren. Weil Eichede eben zu ihrer sportlichen Heimat geworden ist, auch wenn sie sich zwischendurch vielleicht mal woanders umgeschaut haben. Wir sind mit unseren 600 Mitgliedern als hundertprozentiger Fußballverein ja auch kein kleiner Verein. Trotzdem gehen wir konsequent einen anderen Weg als viele andere, setzen auf Konstanz und auf Verlässlichkeit und eben auf unseren Nachwuchs.

Sie spielen am Wochenende gegen die Zweitvertretung von Holstein Kiel. Auch der VfR Neumünster oder VfB Lübeck II spielen in ihrer Liga. Wie herausfordernd ist es für einen Verein wie Eichede sich mit den Größen des Bundeslandes zu messen?
Die Herausforderung ist riesig. Deshalb thematisieren wir jetzt auch offen, dass wir es nicht allein schaffen, unseren gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Andere Vereine haben Nachwuchsleistungszentren, wir nicht einmal einen Kunstrasenplatz. Und was es in Zeiten steigender Benzinpreise bedeutet, mit seinen Mannschaften im Pflichtspielbetrieb durch Norddeutschland zu fahren, kann sich ja jeder vorstellen, um nur mal ein Beispiel zu nennen.

Trotz alledem schlug sich der SV Eichede in der Vergangenheit sehr gut. Ist das sportliche Ziel die Rückkehr in die Regionalliga, wie zuletzt 2016?
Von vielen Erlebnissen und Begegnungen in der Regionalliga zehren wir noch heute, und natürlich wollen wir wieder zurückkehren. Mit aller Kraft, aber nicht um jeden Preis. Der Aufstieg muss auf einer soliden Basis stehen, infrastrukturell, sportlich wie finanziell. Daran arbeiten wir.

Im nächsten Jahr, 2017, stand der SV Eichede als kleinstes Dorf im DFB-Pokal gegen Kaiserslautern auf dem Platz. Ist das bis heute der größte sportliche Moment?
Natürlich ist das der Tag, an dem der SV Eichede bundesweit bekannt geworden ist. Organisatorisch war es eine unglaubliche Herausforderung für einen rein ehrenamtlichen Verein, aber am Ende war es ein Festtag, wie wir ihn nur ganz selten hatten. Schaut man auf die sportliche Bedeutung, gab es natürlich wichtigere Momente. Insbesondere der zweite Aufstieg in die Regionalliga war an Dramatik eigentlich nicht zu überbieten; oder vor wenigen Monaten das vorweg genommene Finale unserer A-Jugend um die Schleswig-Holsteinische Meisterschaft. Solche Spiele vergisst man nicht.

Sie sprechen die Jugendmannschaften an. Die U-19 und U-17 spielen in der Regionalliga Nord. Was macht ihre erfolgreiche Jugendarbeit aus?
Wir haben schon vor vielen Jahren gesagt, dass wir die besten Trainer im Jugendbereich haben müssen. Wir wollen, dass so viele von ihnen wie möglich Lizenzen haben und unterstützen sie entsprechend dabei. Aber entscheidend ist, dass wir eine ganzheitliche Ausbildung bieten. Bei uns geht es nicht nur um den Fußballer, sondern in erster Linie um den Menschen.

Auch international begeistert der SV Eichede Menschen. Der Verein pflegt eine Fanfreundschaft zum englischen Sechsligisten Leamington FC. Wie kam es dazu?
Unsere Freundschaft mit den Fans von Leamington Spa begann vor gut zwölf Jahren durch einen reinen Zufall. Wir spielten damals in der Regionalliga bei Victoria Hamburg, und eine Gruppe aus Leamington war für einen Junggesellenabschied in Hamburg und wollte sich irgendein Spiel ansehen. Da wir in sehr ähnlichen Farben aufliefen – wir auswärts in Gelb-Schwarz und sie zu Hause in Gold-Schwarz –, haben sich unsere kleine Fanbase und die englischen Gäste nach nur zehn oder fünfzehn Minuten vereinigt. Die Engländer haben uns dann den Rest des Spiels stimmgewaltig unterstützt, ohne eigentlich genau zu wissen, worum es ging.

Und die Freundschaft hält bis heute an. Aus dem Eicheder Schlachtruf „Kühe, Schweine, Eichede“ hat sich auch in Leamington durchgesetzt. An die landwirtschaftlichen Gegebenheiten angepasst, skandieren die Fans „Chicken, Sheep, Leamington“.
Daraus ist ein tolles Miteinander entstanden, das nun schon über ein Jahrzehnt hält und durch gegenseitige Besuche mehrmals im Jahr sehr lebendig geblieben ist. Dabei geht es uns nicht um sportliche Testspiele der Mannschaften, sondern darum, dass die Fans sich gegenseitig bei Ligaspielen unterstützen. Zuletzt hatten wir ein schönes Erlebnis beim VfR Neumünster, wo uns die Jungs aus England in der Schlussphase zum Sieg geschrien haben. Im August reisen wir nun wieder für zwei Spiele nach England. Wir sind gegenseitig auf Hochzeiten eingeladen, und wenn wir uns für drei bis fünf Tage besuchen, gibt es ein vielfältiges Rahmenprogramm mit Kegel- oder Bouleturnieren. Ich erinnere mich auch gern an ein Spiel in Flensburg, nach dem die Fans beider Vereine sogar gemeinsam dort übernachtet haben.

Neben Fanfreundschaft und guter Jugendarbeit steht der SV Eichede auch für Inklusion. Ihr Handicap-Team wurde mit dem Sepp-Herberger-Award ausgezeichnet.
Eine DFB-Ehrung, die deutschlandweit ehrenamtliche Arbeit in dem wichtigen Themenfeld Inklusion bewertet, hat einen hohen Stellenwert. Sie bestätigt uns für unsere mittlerweile 18-jährige Tätigkeit im Handicap-Fußball, macht unser Engagement sichtbar, sodass unsere Arbeit vielleicht auch als Vorbild für andere Vereine dient.

Sie sagen selbst, das sei die größte Auszeichnung der Vereinsgeschichte.
Ich unterscheide zwischen sportlichen Erfolgen wie den Regionalliga-Aufstiegen unserer Jugend- und Herrenmannschaften und der Gründung unseres Handicap-Teams, die für den Verein ein ganz besonderer Entwicklungsschritt war. Damals gehörten wir zu den ersten Vereinen in Deutschland mit einer solchen Mannschaft, denn Handicap-Fußball fand überwiegend in Werkstätten statt. Inzwischen ist das Team mit mehr als 50 Aktiven, fünf Trainern und vielen Ehrenamtlichen ein fester Bestandteil des SV Eichede – und für mich der Inbegriff von „Fußball Pur!“

Viele Vereine würden wahrscheinlich sagen: Dafür fehlen uns Geld oder Personal. Was würden Sie ihnen entgegnen?
Macht es einfach. Es lohnt sich. Wir Vereine wollen eine Art Heimat für Menschen sein, in der sie sich wohlfühlen, sich aufgenommen fühlen und gemeinsam stark sind. Und dazu gehören natürlich auch alle!
Alle reden immer von Inklusion. Wir haben aber erst dann vollständige Inklusion erreicht, wenn wir nicht mehr darüber sprechen müssen, sondern wenn solch ein Angebot, welches wir hier beim SV Eichede haben, eine Selbstverständlichkeit ist.

Abschließend: Warum sollte jemand, der noch nie in Eichede war, unbedingt einmal zu einem Heimspiel kommen?
Wer echten Amateurfußball will, von Fußballern für Fußballer, der ist bei uns immer richtig. Wir haben ein schmuckes, kleines Stadion. Wer Fußball ungeschminkt am liebsten mag, muss Eichede erlebt haben.


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